Geschichte von Sollèr

Historie der Region Sóller

Sóller – im Tal des Goldes – auf einer Insel, die außer bescheidenen Braunkohlevorkommen keine Bodenschätze birgt. Doch selbst das Gold, das die Mauren Sulliar benannten, kommt aus dem Boden und gab dem Ort seinen Namen. Damit sind aber nicht die weitläufigen Orangenplantagen von Sóller gemeint: Das Gold der Mauren war flüssig und stammte von den Olivenhainen, die Sóller zur Zeit ihrer Herrschaft umgab. So oder so, ein "Tal des Goldes" ist die Gegend um Sóller mit seinen enormen Gärten hort geblieben. Andere Quellen leiten den Namen Sóller vom arabischen Wort für Muschel ab, und auch diese bildhafte Umschreibung des Ortes und seines Tales trifft zu. Umringt, Inseleinwärts abgetrennt durch vier Tausender-Gipfel des Tramuntanagebietes, liegt Sóller wie die Schale einer Muschel am Meeresrand.

Ende des 18. Jahrhunderts flohen französische Bauern, Händler, Winzer und Tuchmacher aus dem von der Revolution geschüttelten Frankreich hierher ins Tal und organisierten als bald die Verschiffung der Früchte nach Frankreich. Dort eröffneten meist Verwandte oder Bekannte der ausgewanderten Franzosen aus Sóller unter verheißungsvollen Namen Jardin de l’Espagne (Garten Spaniens) die ersten Südfruchtgeschäfte, die ein unabhängiges, genossenschaftliches Netz bildeten und sich bald über die Grenzen von Frankreich hinaus ausdehnten. Was Sóller zunächst so reich und mächtig machte, verkehrte sich 1860 ins Gegenteil: Ein Schädling machte sich über die Bäume und Früchte her, Sóller verlor an Wohlstand und stürzte in eine tiefe Krise. Vor allem die Bauern traf dieses Schicksal und führte sie meist, wenn nicht nach Frankreich, ins Exil nach Lateinamerika; Kuba, Puerto Rico oder Venezuela.

Daher unterscheiden sich in Sóller die Hausfassaden so augenfällig und erzählen von den Fährnissen ihrer Erbauer. Die einen, die in der Krise geblieben sind und danach dank der Entdeckung des Vitamin C und der damit verbundene Südfrüchtenachfrage wieder zu Wohlstand gelangten, haben ihren alten Stil perfektioniert: Fassaden aus Marés, elegante Toreinfahrten und Innenhöfe, kunstvolle Portale, Fensterstöcke und Schmiedeeisenarbeiten.

Die Heimkehrer aus karibischen Gefilden hingegen zeigten ihren zweiten Anlauf in Übersee dadurch: Sie bauten Stadtpaläste im Kolonialstil, schwelgten in Neobarock und Klassizismus mit Säulen, Tempelgiebelchen, aufwendigen Fassaden aus Bruchstein und Verzierungen aus Schmiedeeisen, wie sie noch heute entlang Gran Via, der Hauptstrasse der Kleinstadt, zu sehen sind.

Die Rückkehrer aus dem europäischen Ausland ließen sich durch die Mode der Wende des 20. Jahrhundert inspirieren, dem katalanischen Modernisme, einer kulturellen Strömung, die parallel zum Jugendstil in Europa verlief. Zu Geld gekommene Bürger Sóllers ließen ihre repräsentativen Stadthäuser von katalanischen Architekten konzipieren und auch die lokalen Architekten orientierten sich in erster Linie an Barcelona.

Neben Palma ist Sóller die zweitwichtigste Stätte des Modernisme auf der Insel Mallorca, zum Beispiel die Fassade der Pfarrkirche Sant Bartomeu, die von Antoni Gaudís Schüler Joan Rubió i Bellver entworfen wurde, der auch die Vorderfront der Banco Central Hispano gestaltet hat oder die Villa Ca´n Prunera (1909-1911) in der Strasse Carrer de Sa Luna. Neben den städtebaulichen Folgen hatte die Krise noch einen positiven Aspekt: Eine Bank verwandelte ein bankrottes Landgut am Rande von Sóller, Camp d´En Prohom, in den einzigen botanischen Garten der Insel. Hier werden heute die Samen von 1700 autochthonen, also nur auf Mallorca heimischen Pflanzen, schockgefroren. Wie ein Botaniklehrbuch zeigen noch heute die Gärten in Sóller die Vorläuferpflanzen der verschiedenen Inselgewächse, darunter eine stattliche Anzahl von Heilpflanzen.

Bis die Bürger von Sóller im Jahre 1912 mit der berühmten Eisenbahn "Roter Blitz", dem sogenannten Orangenexpress, einen vergleichsweise schnellen und bequemen Landweg schufen, war der Hafen von Port de Sóller das Nadelöhr nach außen und auch der wunde Punkt des Ortes. Denn die "Orangensegler", wie man die Exportschiffe mit Kurs Frankreich nannte, hatten auch auf ihrem Rückweg in dessen geschützte und kreisrunde Bucht schwer geladen: Die Sollerics ließen sich aus Frankreich Möbel, Töpfe, Karren und Landwirtschaftsgeräte kommen. Angesichts der Trampelpfade über die Berge und des zehnstündigen Seeweges nach Palma war dieser "Ferneinkauf" die einzige sinnvolle Alternative.

Wo Reichtum waltete, waren die Piraten nicht fern. 1561 wurde der gesamte Hafenbereich durch Piraten in Schutt und Asche gelegt. Dieses veranlasste die Bürger ein trutziges Bollwerk auszubauen. Dass man nach dem Ausbau die Angriffe abwehren konnte, feiern Sóller und Port de Sóller jedes Jahr am 2. Wochenende im Mai mit dem Historienspiel Moros i Christians, bei dem die Schlachten in den Strassen der Stadt nachgestellt werden. Im Hafen ging es nie um die Schönheit sondern um Sicherheit. Die Bucht ist beinahe ein perfekter Kreis - an den beiden Enden flankiert von Wehranlagen und Leuchttürmen.

1995 kam es beim Neubau der Tunnelverbindung zu einem Bestechungsskandal, in Folge dessen der damalige Präsident der Balearenregierung Gabriel Canyellas zurücktreten musste. Trotz des Protestes einiger Bürger wurde der Bau 1995 mit der Tunnelbohrung begonnen. Die alte Strecke mit 36 Kurven, die sich über den 500 Meter hohen Pass Coll de Sóller zieht, kann nach Fertigstellung des Tunnels weiter genutzt werden. Die Einheimischen sagen noch heute: "Die Talschüssel des Goldes hat einen Sprung bekommen".